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Was kann Kunst?

16. Dezember 2019

Was kann Kunst?

16. Dezember 2019 Katharina

Hallo, schön, dass Du da bist. Heute sehen wir uns eine Fotografie von Erkin Demir und ein Gemälde von Francis Picabia an. Eine zeitgenössische Fotografie trifft auf ein Bild aus dem frühen 20. Jahrhundert.

In beiden Werken begegnet uns etwas Besonderes: mehrere Bilder überlagern sich. Die Frage ist dann, welche Geschichten mit diesen Bildern erzählt werden, damals und heute.

Treffpunkt

Als ich vor vielen Jahren anfing Kunstgeschichte zu studieren, fragte mich eines Tages eine Freundin: Was kann Kunst eigentlich? Ich war zuerst etwas irritiert über diese sehr offene, fast ein bisschen angriffslustige Frage. Aber im Nachhinein bin ich ihr dankbar dafür. Denn diese Frage regt an, immer wieder über Kunst nachzudenken.

Also frage ich Dich heute, was meinst Du, was kann Kunst? Kunst kann zum Beispiel Dinge sichtbar machen, die wir ansonsten nur mit Worten beschreiben können. Sehen wir uns nun die beiden Werke von Erkin Demir und Francis Picabia an, so können wir weiter darüber nachdenken, was Kunst sichtbar macht. Die folgenden Fragen können uns dabei helfen:

Ohne Titel, Erkin Demir
  1. Was sehen wir?
  2. Was bewirkt die Überlagerungen der Bilder?
  3. Erzählen die Bilder eine ähnliche oder zwei unterschiedliche Geschichten?

Was sehen wir?

Die Fotografie von Erkin Demir zeigt das Porträt einer Frau, es ist eine Nahaufnahme. Die Frau blickt nach unten, wie wirkt sie auf Dich? Vielleicht nachdenklich?

Hinter ihrer transparenten Darstellung scheint ein weiteres Bild durch. Eine diagonale Reihe von Bäumen, wobei der eine Baum mit seinen starken Ästen genau hinter der Frau erscheint.

Wegelia, Francis Picabia, um 1929, Privatsammlung

Ein Bild im Bild sehen wir auch in dem Gemälde von Francis Picabia. Der französische Künstler hat es wahrscheinlich um 1929 gemalt. Er hat es in der rechten oberen Ecke beschriftet, ‘Wegelia’.

Vielleicht ist das der Name der Frau, deren Kopf wir sehen. Wie in Erkin Demirs Fotografie wendet die Frau auch hier ihren Kopf leicht zur Seite und sie blickt nachdenklich, verträumt.

Aber erkennst Du eine weitere Gemeinsamkeit mit Erkin Demirs Fotografie? Genau, auch hier scheint hinter dem Frauenkopf ein weiteres Bild durch. Wir sehen eine nackte Frau, die in ihrer einen Hand Blumen trägt.

Was bewirken die Überlagerungen der Bilder?

Wenn wir den Künstler Francis Picabia googlen, finden wir überraschenderweise ganz unterschiedliche Gemälde von ihm. Er hat ganz verschiedene Stile ausprobiert, vom Imressionismus über die kubistische Kunst bis hin zu seiner ‘Wegelia’.

Sie gehört zu einer späteren Phase. Picabia hat die Werke aus dieser Zeit selber als ‘Transparenzen’ bezeichnet und schreibt über sie:

Diese dritte Dimension, nicht aus Licht und Schatten gemacht, (…) diese Transparenzen erlauben mir, meine innersten Wünsche auszudrücken.

Spannend ist an diesem Zitat unteranderem die Bezeichnung ‘innerste Wünsche’. Die hintere Frau, gehört sie in die Gedanken der vorderen Frau? Denkt sie an sie? Oder ist sie es vielleicht selber?

Innere Wünsche, Gedanken sichtbar machen, das kann Kunst. Als ich meiner Tochter die Fotografie von Erkin Demir heute zeigte, sagte sie, die Frau sehe aus wie ein Rentier. Das klingt jetzt lustig, aber sie hat unbewußt einen guten Punkt berührt. Denn durch die Überlagerung der beiden Bilder entsteht ein neues.

Der Baum scheint zu der Frau zu gehören. Was könnte er aus Deiner Sicht symbolisieren? Vielleicht einen Ort, an den die Frau denkt. Oder er steht für ihre wachsenden, starken Gedanken oder Gefühle.

Aus den überlagerten Bildern entsteht ein neues Bild, ein Bild, das uns das Innere der beiden Frauen zeigt. Ganz wie Francis Picabia es selber beschreibt.

Erzählen die Bilder eine ähnliche oder zwei unterschiedliche Geschichten?

Was meinst Du, wovon handeln die beiden Bilder? Zuerst können wir sagen, von zwei Frauen und ihren Gedanken. Also beginnen die Geschichten ähnlich. Aber dann nehmen sie verschiedene Wendungen.

Sehen wir uns nochmal ‘Wegelia’ an. Eine Blumenprinzessin, unberührt, schön, und auch verletzlich. Wie die Blumen in ihrer Hand. Aber umgeben von dem Kopf der Frau wirkt sie beschützt. Eine Geschichte von einer schönen Frau, die wenigstens bei sich selber Schutz findet.

Die Frau in Erkin Demirs Bild gibt weniger Schutz. Sondern von ihr geht etwas aus. Aus ihr wächst etwas empor. Eine Geschichte von dem, was nicht nur in uns bleiben kann. Von Gedanken, Gefühlen, die wir teilen möchten.

Was kann Kunst? Beide Bilder gehören zu unserer Idee vom Anfang. Kunst kann uns Bilder von etwas zeigen, was wir mit dem Auge nicht sehen. Wir können die Gedanken von uns und anderen erahnen, aber in der Kunst können wir sie sehen.

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