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Der eine Augenblick

20. Januar 2020

Der eine Augenblick

20. Januar 2020 Katharina

Hallo, schön, dass Du da bist. Wir werden heute zwei Kunstwerke miteinander vergleichen – eine Fotografie von Simone Betz und das Gemälde ‘The Singing Butler’ von Jack Vettriano.

Treffpunkt

“Nicht bewegen, genauso bleiben.” Diesen Satz kennen wir, wir haben ihn gesprochen oder gehört, wenn wir ein Bild machen. Den einen Moment festhalten, in dem alles stimmt.

Auch die beiden Bilder, die wir uns gleich ansehen, halten einen besonderen Augenblick fest. Und dabei werden wir sehen, dass ein einzelner Moment auch eine Geschichte erzählen kann. Die folgenden Fragen können uns helfen:

Fotografie, Simone Betz

1. Was sehen wir?

2. Wie viele Momente sehen wir?

3. Was macht eine Liebesgeschichte aus?

Was sehen wir?

In der Fotografie von Simone Betz blicken wir in einen dunklen Raum. Auf einer Kiste sitzt eine Frau. Sie hat uns den Rücken zugewandt. Drei Händepaare liegen auf ihrem Rücken.

The Singing Butler, Jack Vettriano, 1992

Solch einen Hell-Dunkel-Kontrast finden wir auch in dem Gemälde ‘The Singing Butler’ von Jack Vettriano. Ein tanzendes Paar, rote und schwarze Kleidung, vor dem hellen Strand und Himmel. Eingerahmt von ihren dunkel gekleideten Begleitern mit den Regenschirmen.

Wie viele Momente sehen wir?

Vorher

In ‘The Singing Butler’ wird der eine Moment festgehalten, in dem es stürmt, regnet und das Paar den Tanz genießt. Doch geht es wirklich nur um diesen einen Moment?

Passen sie mit ihrer Kleidung an den Strand? Sie waren vielleicht zuvor auf einem Fest oder auf dem Weg dorthin. Und dann zog es sie an den Strand.

Auch bei der Frau in der Fotografie schwingt ein ‘Vorher’ mit. Nämlich als die Hände noch nicht da waren. Als die Frau noch alleine war.

Der fruchtbare Augenblick

Laokoon und seine Söhne, 1517, Marmor Kopie eines hellenistischen Originals von 200 v. Chr, Vatikan Museum, Rom

Ein Moment, in dem das ‘Vorher’ mitklingt, bezeichnet der deutsche Schriftsteller Gotthold Ephrahim Lessing als ‘fruchtbaren Augenblick‘. Und diese Idee stammt aus dem Jahr 1766, als er seine Schrift ‘Laokoon oder über die Grenzen der Malerei’ herausgab.

Lessing zeigt uns seine Idee an einer Skulptur. Diese stellt den griechischen Priester Laokoon und seine Söhne dar, wie sie mit den Schlangen kämpfen. Aber der Kampf ist noch nicht verloren, noch nicht gewonnen. Ein offenes Ende.

Der ‘fruchtbare Augenblick’ bedeutet also, dass ein Bild nicht nur einen Moment zeigt. Sondern auch das, was zuvor und das, was danach passiert, wird angedeutet.

The Singing Butler, Jack Vettriano, 1992

Ist das wichtig für uns, können wir uns fragen? Ich glaube schon. Denn es regt uns dazu an, in dem Bild nach der Geschichte zu suchen.

Nachher

Fotografie, Simone Betz

Ein offenes Ende sehen wir auch in unseren beiden Werken. Wie lange wird das Paar noch an dem Strand tanzen? Die Wasserpfützen lassen uns erahnen, hier gibt es die Gezeiten. Aber bis die nächste Flut kommt, kann das Paar bleiben.

Und die Frau mit ihren Umarmungen? Sie kann sich selber umarmen, von einem Freund in den Arm genommen und von der Liebe berührt werden. All das kann halten, aber irgendwann werden sich diese Umarmungen lösen.

Was macht eine Liebesgeschichte aus?

Unsere Bilder antworten uns: eine Mischung aus dem, was gezeigt und dem, was nur angedeutet wird. Also vielleicht gehört der ‘fruchtbare Augenblick’ zu einer Liebesgeschichte.

In den Bildern sehen wir Liebesgeschichten, die nicht nur aus einem Moment bestehen. Sie handeln von einer Frau, die nicht alleine, sondern von Umarmungen umgeben ist, von Nähe, Fürsorge und Liebe.

Und sie handeln von dem Paar, das seine Pläne ändert, und unabhängig von Ort und Wetter die Bewegung der Liebe genießt.

Ein Augenblick, so schön er auch ist, lebt immer weiter, nämlich in den Momenten, die auf ihn folgen. Ich wünsche Dir, dass dieser Tag ganz besonders schön wird. Mit vielen besonderen Augenblicken, die wir vor allem mit den Augen und dem Herzen festhalten können.

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